jiddu krishnamurti„Ich habe immer und immer wieder betont, daß es keine Rolle spielt, aus welcher Quelle Sie das Wasser schöpfen, solange es rein ist und solange das Wasser den Durst der Menschen löscht. Sie beschäftigen sich mit der Konstruktion des Brunnens, nicht mit dem Wasser.“ (Zitate von Jiddu Krishnamurti)

Vereinfacht ausgedrückt: wenn wir uns nur mit dem  w i e  befassen, werden wir das  w a r u m  niemals erfahren.

Liebe Freunde,

es ist mir ein Anliegen, Euch heute wieder ein paar Zeilen aus meinem Herzen mitzuteilen. Soeben kehrte ich von einer zweiwöchigen Auszeit zurück. Mein Körper sendete mir hierfür die eindeutigen Signale. Diese kurze Unterbrechung meiner Alltagsroutine veränderte meine Wahrnehmung bereits nach etwa drei Tagen. Als erstes erstaunte mich das Maß meiner Unbewusstheit, welche sich in den vergangenen Wochen eingestellt hatte. Unbemerkt hatte ich mich wieder in die Routine meiner Alltagswelt verstrickt. In diesem Zustand war ich überwiegend mit dem Reagieren auf Situationen beschäftigt. Hierdurch reduzierte sich meine Wahrnehmung immer weiter auf die unmittelbar anstehenden Ereignisse. Als mich beispielsweise Freunde über die Unruhen in der Ukraine und Ägypten informierten, erreichten mich diese Nachrichten nur sehr oberflächlich. Offenbar überließ ich die Bewertung meinem Verstandesapparat. So reagierte ich mit voreiligen und sehr standardisierten Interpretationen.  Es handelte sich um den automatisch ablaufenden Prozess von Wahrnehmen und Interpretieren. Unsere Gedanken sind das Resultat dieser Automatismen. Und haben mit der wahrzunehmenden Sache meistens recht wenig zutun.

Nach drei Tagen meines Rückzugs wandelte sich sowohl das Spektrum als auch die Weite meiner Wahrnehmung. So erfasste ich beispielsweise die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Ägypten und der Ukraine in einem eher ganzheitlichen Kontext. Diese Art der Wahrnehmung ermöglicht ganz andere – unzensierte – Eindrücke. Wie ich nun deutlich erkannte, reichte hierfür der Zustand des Alleinseins und der inneren Ruhe aus.

„In Momenten vollkommenen Alleinseins, das sich nur dann einstellen kann, wenn alle Fluchtmöglichkeiten und deren eigentliche Bedeutung wahrhaft erkannt worden sind, tritt das Glück des Augenblicks zutage.“

Ganz offenbar zog sich mein Verstandesdenken in die 2. Reihe zurück. Um etwas anderem Platz einzuräumen, etwas, was ich als mein Selbst bezeichne. Die Wahrnehmungsebene dieses Selbst ist eine völlig andere Ebene als die des Denkapparates. Das Selbst nimmt wahr was ist, der Verstand bewertet. Vereinfacht dargestellt: Gewahrsein erfolgt über das Selbst, Interpretieren ist die Aufgabe des Verstandes. In den letzten Jahren durfte ich immer wieder erfahren, dass ein Gewahrsein nur im Zustand der Ruhe möglich ist. Wobei es weniger um die äußere als um die innere Ruhe geht; es geht um die Ruhe des Denkapparates. Im Zustand dieser Gedanken-Ruhe nehme ich meine Welt eher wahr, so wie sie ist, als wenn ich sie durch meinen Verstand deute (so wie sie sein sollte).

„Wie ich schon sagte, mein Ziel ist, die Menschen bedingungslos frei zu machen, denn ich behaupte, dass die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist, denn diese ist zeitlos, sie ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe.“

Natürlich stehen die beiden Instanzen – Verstand und Selbst – nicht in Konkurrenz; ohne einen Verstand wären wir in dieser Welt nicht lebensfähig. Meiner Erfahrung nach stimmt das Verhältnis zwischen den beiden Instanzen nicht mehr. Mit unserer Inkarnation wurde unser Selbst mit derartig vielen Informationen überschüttet, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt eine neue Identität angenommen wurde. Unserem Selbst wurde nun einen Namen gegeben. Bedauerlicherweise verblassten unsere Erinnerungen an unser wahrhaftiges Selbst. So identifizieren wir uns mit der Person, die von unseren Eltern einen Namen erhielt. Durch ständige Konditionierungen und Erziehung entwickelte sich mit dieser neuen Identität auch unser Ego und unser Verstand. Und damit auch die Erinnerung an unser wahres Sein, an unser Selbst. Auch wenn mein Verstand von diesen Dingen wusste, so blieb ihm doch die vollständige Einsicht verwehrt. Das Verstandeswissen ist von theoretischer Natur. Dieses sogenannte „Kopfwissen“ reicht nicht aus, die ungefilterte Wahrheit – die Dinge wie sie sind – zu erkennen. Zusätzlich ist ein ganz erheblicher Teil unseres Gehirns mechanisch geworden. Denken ist die Wiederholung oder die Reaktion der Erinnerung. Und wenn wir bereits ein Leben führen, das me­chanisch ist, und wir versuchen, dieses mechanische Leben zu überwinden, indem wir einen anderen mechanischen Prozess ein­führen, nämlich Systeme, Methoden, Übungen usw., dann bleiben wir mechanisch. Indem wir die sogenannte Wahrheit, die Logik, die Ver­nunft darin sehen, dann werden wir nie etwas mit Systemen, Me­thoden und Übungen zu tun haben wollen. All das ist mir in den letzten Tagen noch einmal klargeworden.

Das wirklich besondere an dieser Erkenntnis war jedoch etwas Zusätzliches. Ich erkannte diese Strukturen aus einer erweiterten Wahrnehmung. Wie in einer unmittelbaren Anschauung war dadurch die Trennung zwischen mir und meiner Welt aufgehoben. Die Person „Dieter Broers“ nahm eine Reflektion mit dem Selbst vor. Wie in einem Spiegel erkannte ich hinter dieser Person(a) das Andere – was ich als „mein“ Selbst  wahrnahm. In diesem Zustand erkannte ich noch etwas. Ohne, das ich meinen Fokus bewusst geändert hätte, nahm ich auch die Welt anders wahr. Ich erkannte das Zusammenspiel von Chaos und Ordnung. Und ihre naturgemäße Bedeutung. In diesem „Spiel“ steht die äußere Welt der inneren Welt gegenüber. Chaos im Außen und Ordnung im Inneren. Beide Zustände scheinen sich einander zu bedingen. Durch Chaos entsteht Ordnung. Bis es irgendwann zu einem Finale kommt. Das Finale ist die Auflösung des Chaos, welches dem Zustand der Ordnung einen Zuwachs an Erfahrungen ermöglicht.* Tatsächlich wird diese innere Welt einer anderen Dimension zugeordnet. Es ist die Heimat unseres Selbst. Welches ständig neue Erfahrungen macht um diese in eine kosmische Datenbank ablegt. Für diese Erfahrungen braucht das Selbst offenbar die Äußere Welt (unsere Raum-Zeit).

Wenn auch diese Zeilen meinem Verstand zuzuordnen sind, so stammten die Einsichtungen hierzu doch von einer anderen Quelle. Ich wünsche mir innständig, häufiger in einen solchen Seinszustand zu verweilen. Immerhin durfte ich erfahren, dass es tatsächlich möglich ist, in einem Zustand des Gewahrseins und des Verstandes zu sein. So liegt mein jetziges Bestreben darin, mir öfter als bisher, diese Ruhepausen zu verordnen. Dabei muss es natürlich nicht jedes Mal eine Urlaubsreise sein. Es reicht, auch das durfte ich erfahren, oftmals schon eine kurze Unterbrechung der Alltagsroutine. Es reicht bereits eine kurze Innenschau, ein Abgleich zwischen meinem Verstand und meinem Bauchgefühl. Als ich mit dem Schreiben dieses Artikels begann, machte ich von dieser Unterbrechung gebrauch. Ich lehnte mich in meinen Sessel zurück und fühlte in mich hinein. Bereits nach wenigen Augenblicken erreichte ich wieder diesen Zustand des Gewahrseins. Als ich dann mit dem Schreiben fortfahren wolle, konnte ich außerordentliche Glücksgefühle wahrnehmen, begleitet von wunderbaren Eingebungen. Vor meinem inneren Auge tauchte Jiddu Krishnamurti auf. Ich fühlte seine weisen Worte, die ich vor vielen Jahren einmal erfahren durfte. Und plötzlich – als ob ich mit ihm in einer Verbindung stehen würde, bildete sich für mich eine Erkenntnis heraus. Kurz vor seinem körperlichen Ableben wies Jiddu Krishnamurti noch einmal darauf hin, das sein ganzes Bestreben die Menschen an ihre wahre Natur zu erinnern, leider keine nachhaltige Wirkung hinterlassen hätte. Die Menschen sehen nur das, was sein sollte und nicht was ist. Ich fühlte die tiefe Traurigkeit von Jiddu Krishnamurti, als er diese Worte sprach. Hat sich – aus heutiger Sicht – an dieser Situation etwas geändert? Aus meiner Verstandes Deutung würde ich diese Frage eher verneinen. Diese Wahrnehmung nimmt für mich eher erschreckende Formen an. Die Weltlage, die ja von Menschen generiert wird, scheinz unbeirrt auf ein bitteres Ende zuzusteuern. Etwas zwischen Untergang und Sklaventum. Vor kurzem hatte ich gar das Gefühl, wenn nicht noch in diesem Jahr eine fundamentale Umwälzung stattfindet, würde unsere Welt verloren sein. Zumindest für einen längeren Zeitraum.

Mein Bauchgefühl hingegen sagt mir etwas anderes. Dieses Gefühl lässt mich erkennen, dass wir die kritische Masse bereits fast erreicht haben, um eine fundamentale Wandlung einzuleiten. Ich möchte noch einmal in Erinnerung bringen: Unsere geistige Grundhaltung bestimmt unsere Realität. Sind wir chaotisch, ist es die Welt. Und umgekehrt. Indem wir uns immer öfter in unsere sogenannte Mitte begeben, sind Verstand und Selbst vereint. In diesem Zustand sind wir mit der Quelle des Seins verbunden. Hier ist nur Liebe im Alles-was-ist. Durch diesen Seins-Zustand lösen wir die verhärteten und eingefahrenen Strukturen der künstlichen und degenerativen (Un-)Ordnung auf.

Me Agape

Dieter

„Konflikt ist nichts weiter als das Leugnen dessen, was ist, oder das Davonlaufen vor dem, was ist. Einen anderen Konflikt gibt es nicht. Unser innerer Konflikt wird immer komplexer und unlösbarer, weil wir uns weigern, uns dem zu stellen, was ist.“

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