Eine fundamentale Parabel von Jiddu Krishnamurti - Der Teufel und sein Freund | Dieter-Broers.de

Parabel-von-Jiddu-Krishnamurti_dieter-broers-deDie organisierte Wahrheit

Der Teufel und sein Freund

Liebe Freunde,

vor etwa zwei Jahren erhielt ich mit der Post einen Umschlag mit einem der ersten Bücher von Jiddu Krishnamurti1. Es war ein Geschenk von einer mir unbekannten Fee, die offenbar von meiner besonderen Vorliebe für diesen weisen Menschen wusste. Zu meiner großen Überraschung war in dieser gut erhaltenen Erstausgabe ein alter Zeitungsartikel aus dem Jahre 1929 eingeklebt. Was ich hier zu lesen bekam erregte meine Aufmerksamkeit auf ganz besondere Weise. Im Wesentlichen handelt dieser Artikel von der ersten und damit auch letzten Amtshandlung als Oberhaupt des Order of the Star in the East3 4, dessen Vorsitzender er war. Um die Bedeutung und Tragweite dieser außergewöhnlichen Amtshandlung zu verstehen, sollte man zunächst wissen, was diesem besonderen Ereignis vorausging.

Bereits 18 Jahre zuvor (1911) gründeten George Arundale, Dr. Annie Besant (die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft) zusammen mit C.W. Leadbeater den Orden „Stern des Ostens“. Dieser Orden sollte dem Zwecke dienen, den damals noch jungen Jiddu Krishnamurti unter dem Namen Alcyone als den wiedergeborenen Matreya (Weltenlehrer) zu propagieren. Hierzu musste Jiddu Krishnamurti allerdings erst das 33. Lebensjahr erreichen. So lag also Krishnamurtis einzige Amtshandlung in der Zurückweisung dieses höchst verlockenden Geschenkes. Das wirklich besondere hieran war jedoch sein außergewöhnlicher Beweggrund für seinen radikalen Beschluss. Diesen Beweggrund erklärte Jiddu Krishnamurti mit der Parabel „Der Teufel und sein Freund“. In diesem Zeitungsartikel ist zu lesen:

Krischnamurtis Abschied(Offensichtlich wurde Krishnamurti hier etwas anders geschrieben)

Original Zeitungsartikel Order of the Star 1929 – Jiddu Krishnamurti

Wie wir schon kurz berichtet haben, hat Krischnamurti den theosophischen Orden „Der Stern des Ostens“, von dem er als Prophet verehrt wird, in dem Lager von Ommen in der holländischen Provinz Overijssel aufgelöst. Interessanter als die Tatsache erscheint, so meint die „Boss. Zeitung“, die Begründung, die Krischnamurti in einer Rede in einem Zelt vor fast 3000 seiner Anhänger gab. Er begann mit der Parabel:

Der Teufel spazierte mit einem Freund. Vor ihnen ging ein Mann mit einem symphatischen Aussehen. Er suchte etwas. Immer wieder bückte er sich und steckte etwas in seine Tasche. Was tut der Mann? fragte der Freund den Teufel, Mephisto antwortete: „Er sucht die Wahrheit, und er findet viele Gründe von ihr. Er hebt sie auf und steckt sie sorgsam in seine Tasche.

Das sieht dann schlimm für dich aus“, sagte der Freund. Mephisto grinste und antwortete: „Absolut nicht, lieber Freund. Da drüben laufen noch mehr Wahrheitssucher. Ich habe einen guten Gedanken. Wir organisieren sie!

Glaubt mir,“ fuhr Krischnamurti fort, „die Wahrheit ist nicht zu organisieren5. Jede Organisation ist ein beklemmendes Band. Sie unterdrückt die Wahrheit, sie zerreißt sie. Nur die materiellen Dinge, wie die Post, den Verkehr und dergleichen darf man organisieren. Wer die Wahrheit sucht, muss frei sein. Organisation vernichtet die Wahrheit und bringt einen Ersatz. Jeder Mensch muss selbst die Wahrheit suchen. Man kann den Gipfel eines Berges nicht heruntertragen, sondern man muss selbst emporsteigen wenn man den Ausblick des Gipfels genießen will. Auch die beste Organisation würde den Gipfel nicht herunterbringen können, aber der menschliche Geist ist faul, er will den Gipfel zu sich gebracht haben. Organisation macht aus den Individuen eine Herde, die einen Führer braucht. Jedes Individuum soll sich jedoch selbst führen. Organisierte Wahrheit ist ein Spielzeug für die Schwachen. Ich will keine Organisation. Ich will Freiheit für mich, ich will Freiheit für jeden. Ich will keine neue Sekte, ich bringe keine neue Religion, keinen neuen Glauben, keine Anhänger. Achtzehn Jahre habt ihr euch auf die Ankunft des Weltlehrers vorbereitet; jetzt bin ich da, und ich sage: nur wenige haben mich verstanden. Diese Wenigen brauchen keine Organisation.“

Ende des Zitates.

Wer war dieser außergewöhnliche Mensch? Jiddu Krishnamurti wurde am 11. Mai 1895 in Madanapalle, einer kleinen Stadt in Südindien geboren. Er und sein Bruder wurden in jungen Jahren von Dr. Annie Besant adoptiert, damals Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft. Dr. Besant und andere verkündeten, dass Krishnamurti der Weltlehrer sein würde, dessen Erscheinen die Theosophen prophezeit hatten. Um die Öffentlichkeit für sein Erscheinen vorzubereiten, wurde eine weltweite Organisation mit dem Namen „Stern des Ostens“ gegründet, und der noch junge Krishnamurti wurde ihr Oberhaupt.

Die Theosophin Annie Besant im hellen Mantel, rechts neben ihr Krishnamurti, links neben ihr Krishnamurtis jüngerer Bruder Nitya und hinter diesem George Arundale im Jahr 1911 in England6

Im Jahr 1929 aber legte Krishnamurti diese Rolle, die ihm auferlegt worden war, nieder, löste den Stern des Ostens mit seiner riesigen Anhängerschaft auf und gab alle Spenden in Form von Geldern und Besitztümern zurück. Krishnamurti gehörte keiner religiösen Organisation an und keiner Sekte, noch hat er sich jemals einer politischen Richtung oder Ideologie verschrieben. Vielmehr behauptete er, dass jene Dinge die Faktoren sind, die Menschen untereinander spalten und Konflikt und Krieg verursachen. Er erinnerte seine Zuhörer immer wieder daran, dass wir alle zuerst Menschen sind und nicht Hindus, Muslims oder Christen, dass wir wie die übrige Menschheit sind und nicht von einander getrennt.

Ein zentraler Punkt in der Lehre Krishnamurtis ist die Frage nach dem Ich. Während die Aufgabe der Psychologie bei Sigmund Freud darin liegt, unbewusste Ich-Anteile in das Ich zu integrieren, um auf diese Weise (bereits aufgetretene) Konflikte aufzulösen, erkennt Krishnamurti bereits in der Annahme der Existenz eines Ichs das eigentliche Problem: Nicht eine Ich-Stabilisierung wird bei Krishnamurti angestrebt, sondern dessen Auflösung. Das Ich, oder auch Ego ist für Krishnamurti hingegen die Ursache aller Konflikte. Die Wurzeln der Probleme (Jiddu Krishnamurti nennt sie Konflikte) liegen in der fehlenden Selbsterkenntnis!

Ich möchte Euch hierzu an eine Passage aus meinem Buch Der verratene Himmel – Rückkehr nach Eden 7erinnern. Im Kapitel Vom Der-verratene-Himmel-Dieter-BroersWerden zum Sein – vom Sein zum Werdenist zu lesen:

Im ersten Kapitel des Buches ›Vom Werden zum Sein8 gingen Jiddu Krishnamurti und ›einer der führenden Physiker des Westens‹, David Bohm, den Ursachen unseres geistigen Konfliktes nach. Als Erstes stellte Krishnamurti die Frage, »ob die Menschheit in die Irre gegangen ist?« Beide kamen zur Ansicht, dass der Anfang dieses Irrweges ›vor langer Zeit‹ begann. David Bohm fügte hinzu »…, dass der Mensch vor ungefähr fünf- oder sechstausend Jahren in die Irre ging, als er zu plündern und Sklaven zu nehmen begann. Danach besteht der Hauptzweck seines Daseins darin, Beute zu machen und zu plündern.«

In ihrer Erforschung für die Ursachen des irrigen Verhaltens der Menschen ermittelten David Bohm und Jiddu Krishnamurti eine ganz besondere Eigenart, nämlich ›innerlich etwas werden zu wollen‹. Sie kamen darin überein, dass dieses Werden-Wollen die Wurzel des Konfliktes sei.“

Liebe Freunde,

wenn Jiddu Kristhnamurti dem „Werden wollen“ als die „Wurzel des Konfliktes“ zuspricht, bezieht er sich auf das künstliche Selbst, also unser Ego. Sehr oberflächlich könnte man sagen, dass das „Werden wollen“ eine Motivation eines Egos ist. Das „Werden wollen“ ist vom „Ich will (haben, sein usw.)“ zu unterscheiden. Das „Werden wollen“ Krishnamurtis scheint sich auf die Motivation zu beziehen, etwas anderes zu sein oder werden zu wollen. Mit diesem Willen (wollen) versucht das Ego den „Gipfel des Berges“ herunterzutragen. Ohne jedoch zu wissen, was ihn auf diesem Gipfel erwartet. Ich meine jedoch, dass dieses „Werden wollen“ nicht die „Wurzel des Konfliktes“ ist. Eine solche „Wurzel“ (Ursache) sehe ich eher in seiner übersteigerten Version, dem sogenannten Egoismus9. Ein übersteigertes Ego (griechisch ego „ich“) sieht sich getrennt vom „wir“, getrennt vom Ganzen, getrennt von der Quelle.