Uebung_Selbst_und_Vertrauen-dieter-broers-deLiebe Freunde,

wusstet Ihr, dass eine echte Theaterkunst darauf beruht, dem Selbst die Möglichkeit freier Entfaltung zu geben? Gibt das Ich das Selbst nicht frei, entsteht nämlich eine Aufführung, die von Vetos1 geprägt ist. Das Bewusstsein will ständig die Kontrolle wahren und das Geschehen überwachen, und die Aufführung wird ungleichmäßig und unglaubwürdig; denn ein Gefühl kann nicht glaubwürdig wirken, wenn es vom Bewusstsein kontrolliert und gehemmt wird. Dem Selbst die Freiheit zu geben ist die größte Hürde. Es erfordert Vertrauen von seitens des Ich, und dieses Vertrauen entsteht durch Übung. Beim einüben der Proben geht es im Wesentlichen darum, dass das Ich Vertrauen in das selbst entwickelt. Das Ich lernt zu vertrauen, dass das Selbst das Gefühl empfinden und Bewegungen ausführen kann.

Die Funktion des Ich beim Lernen besteht darin, dass es das Nichtbewusste, das Selbst, dazu bringt, zu trainieren, sich zu üben oder überhaupt aufmerksam zu sein. Das Ich ist eine Art Auftraggeber, der dem Selbst sagt, was es zu üben hat. Er ist der Sekretär und der Berater des Selbst.

Die wirkliche Stärke des Ich macht sich aber erst geltend, wenn es sich demütig zeigt gegenüber dem Selbst, dass so viel mehr kann, weil seine Bandbreite um ein Vielfaches grösser ist. Im Grunde ist das Ich ist durch seine Programme begrenzt, wohingegen das Selbst in Einheit mit Allem ist.

Der Mathematiker Kurt Gödel2 sagte, dass ein begrenztes formales System nicht zugleich vollständig und widerspruchsfrei sein kann. Das eine endliche Beschreibung eine unendliche Welt nicht widerzugeben vermag.

Das Bewusstsein wird die Welt nie beschreiben können, weder innerhalb noch außerhalb seiner selbst. Sowohl die Person, die innen ist, als auch die Welt, die außen ist, sind reicher, als das Bewusstsein erfassen kann. Beide bilden für sich eine Tiefe, die sich kartieren und beschreiben, aber nicht vollständig erkennen lässt. Sie stehen miteinander im Zusammenhängen, von denen das Bewusstsein nichts wissen kann. Wir könnten diese Tiefen, die innere und äußere, zusammen als Gödelsche Tiefe bezeichnen und sagen, das Bewusstsein schwebe sozusagen in Gödelsche Tiefe, bzw. das Ich schwebt in Gödelsche Tiefe.

Ich möchte darauf hinweisen, dass der Gödelsche Satz auf einer modernen Version des berühmten Lügner Paradoxons, das bekanntlich im alten Griechenland entdeckt wurde, als das Bewusstsein sich durchzusetzen begann. „Ich lüge“ ist die einfachste, „Alle Kreter lügen“ lautet die bekannteste Version des berühmten Lügner Paradoxon. Das Bewusstsein hat den Menschen die Möglichkeit gegeben, zu lügen, Behauptungen aufzustellen, die nicht stimmen, einen Abstand zu schaffen zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was wirklich gemeint ist.

Eine modernere Version, vom Gödelschen Satz, hat der Philosoph Alfred Tarski als die Erkenntnis gedeutet, einer Aussage sei es prinzipiell unmöglich, von sich selbst zu beweisen, dass sie wahr oder falsch ist. Das Besondere an dem Satz „Ich lüge“ ist deshalb in Wahrheit nicht das Wort „lüge“, das dem Paradox den Namen gegeben hat. Es ist das Wort „ich“ – ein Redner, der von seiner eigenen Rede spricht.

Im Verweis auf sich selbst, in der Selbstreferenz liegt also das eigentliche Problem. Der Körper kann nicht lügen, seine Bandbreite ist dafür zu groß. Das Ich aber kann es. Es verweist auf sich, als sei es das Selbst, doch genau das ist es nicht! Das Ich gibt vor, das Selbst zu sein, die absolute Kontrolle über das Selbst zu haben, doch ist das Ich nur eine Karte vom Selbst. Eine Karte kann lügen, das Gelände jedoch nicht. „Ich lüge“ ist kein Lügner Paradox, es ist die Wahrheit über Bewusstsein. Sören Kierkegaard3 schrieb: „Sokrates Ziel war es nicht, das Abstrakte konkret zu machen, sondern durch das unmittelbar Konkrete das Abstrakte zum Vorschein kommen zu lassen.“4 Wir können die Erkenntnis aus der Welt ableiten, jedoch nicht die Welt aus der Erkenntnis. Kultur und Zivilisation mögen große Erfolge gefeiert haben, aber auch große Probleme geschaffen. Je mehr Macht das Bewusstsein über Dasein erhalten hat, desto problematischer wird es. Die Zivilisation lässt die Menschen an einem Mangel an Andersartigkeit und Widersprüchlichkeit leiden, der jene Form von Wahnsinn bewirkt, dem Diktatoren verfallen, denen nie widersprochen wird.

Es scheint wichtig, dass wir uns darüber zu freuen wagen, eben nicht alles unter Kontrolle zu haben und uns nicht immer bewusst zu sein. Es ist wichtig, die Lebendigkeit des Nichtbewussten zu genießen und sie mit der Disziplin und Verlässlichkeit des Bewusstseins zu vermischen. Das Leben bereitet nun einmal am meisten Freude, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Das Bewusstsein enthält letztlich nicht viele Informationen, denn Information ist Andersartigkeit und Unvorhersagbarkeit. Die Besinnung des Bewusstseins besteht darin anzuerkennen, dass Menschen mehr Informationen benötigen, als das Bewusstsein geben kann. Natürlich braucht der Mensch auch die Information, die im Bewusstsein enthalten ist, ebenso wie wir eine Karte benötigen, um uns im Gelände zurechtzufinden. Das Wesentliche jedoch ist, nicht die Karte, sondern das Gelände zu kennen.

Die Welt ist sehr viel reicher als wir glauben, wenn wir die Karte von der Welt anschauen. Freude bzw. Liebe ist nicht soweit entfernt, wie das Bewusstsein glaubt. Um das menschliche Bewusstsein, das frei in Gödlescher Tiefe schwebt, ist es gar nicht so schlecht bestellt, wie es selbst in seiner Angst vor Andersartigkeit glaubt. „Was von dem sogenannten Ich vollbracht wird, vollbringt, das spüre ich, in Wirklichkeit etwas wesentlich größeres als das Ich in mir selbst“ sagte einst James Clerk Maxwell. Die Besinnung des Bewusstseins ist die Einsicht: Ich ist nicht das Zentrum in mir selbst. Das Zentrum der Welt ist das Selbst. Die Welt spürt mein Selbst – und mein Selbst spürt sie.

Liebe Freunde,

ich erkenne vor allem einen inneren Zusammenhang zwischen den beiden Kernsätzen am Anfang dieses Beitrages („Die wirkliche Stärke des Ich macht sich aber erst geltend, wenn es sich demütig zeigt gegenüber dem Selbst, dass so viel mehr kann, weil seine Bandbreite um ein Vielfaches grösser ist. Im Grunde ist das Ich ist durch seine Programme begrenzt, wohingegen das Selbst in Einheit mit Allem ist.“) und Sören Kierkegaard’s Ausspruch „Die Zivilisation lässt die Menschen an einem Mangel an Andersartigkeit und Widersprüchlichkeit leiden, der jene Form von Wahnsinn bewirkt, dem Diktatoren verfallen, denen nie widersprochen wird.“ Dieses Statement klingt zunächst paradox, aber wir lernen ja alle im Moment die Schattenseiten des Konstruktes kennen, das man allgemein „Zivilisation“ nennt, obwohl viele Aspekte, die mit ihr einhergehen, dieses Prädikat nicht verdienen. Ich appelliere an die Menschheit, die Seiten der „Zivilisation“, die ihr nicht dienlich sind, zu überwinden. In diesem Sinne…

Me Agape,

Dieter Broers

 

1 Ein Veto ist das Einlegen eines Einspruches, das innerhalb eines formell definierten Rahmens geschieht und damit Entscheidungen aufschieben oder ganz blockieren kann.

4 Kierkegaard 1950-74, 31, Abt., S. 112.

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